• 089 292679
  • info@darmsprechstunde.de
  • Mo - Fr: 9 - 13 & Mo - Do: 14 - 18 Uhr

PILONIDALSINUS ZENTRUM

Dr. Bernhard Hofer & Kollegen – Behandlungszentrum für die Steißbeinfistel München

Entstehung einer Steißbeinfistel

Alles zu Entstehung, Verlauf und Klassifikation

Die Diagnose einer Steißbeinfistel führt bei vielen Patienten zu Ratlosigkeit und Ängsten. Man hat vielleicht im Kreis der Kollegen, bei Freunden aus dem Sportverein oder bei Verwandten einmal einen langwierigen Heilverlauf bei einem Betroffenen mitbekommen. Über die Entstehung einer Fistel am Steißbein kursieren auch unter Ärzten viele Meinungen und Gerüchte. Steißbeinfistel und Analfistel werden nicht selten verwechselt. Im Folgenden räumen wir daher mit Halbwissen und überholten Vorstellungen auf. 

Historische Entwicklung

Ist die Steißbeinfistel eine angeborene Mißbildung oder eine erworbene Erkrankung?

1833 beschrieb Mayo als erster eine Haare enthaltende Fistel. Der Begriff Pilonidalsinus wurde 1880 von Hodge begründet (lat. pilus = Haar und nidus = Nest), der bereits einen Entstehung durch Einspießen von losen Haaren bei “Menschen unsauberen Lebenswandels” vermutete.

Mit wachsender Kenntnis über die embryonale Entwicklung des Menschen im 19. Jahrhundert erfuhren die Theorien einer embryonalen Fehlbildung als Ursache weite Verbreitung. Diskutiert wurden (nach Chintapatla, Jackman)

  • eine Entstehung aus Überbleibseln des Neuralrohres bei der Entwicklung des Rückenmarks (neurogene Theorie)
  • eine unvollständige Rückbildung der Schwanzknospe
  • eine gestörte Vereinigung der Haut in der Mittellinie (dysraphische Theorie)
  • Mißbildungen von Drüsen

Manche sahen die Steißbeinfistel auch als Dermoidzyste an. Dermoidzysten sind gutartige Keimzelltumore, die aus den Stammzellen des Eierstocks entstehen und Haare, Knochen, Knorpel, Zähne und Talgdrüsen enthalten können (Multani).

Bald kamen Zweifel an diesen Theorien auf.  Das ausschließliche Vorkommen des Pilonidalsinus im Bereich der Gesäßfalte, das bevorzugte Vorkommen bei Männern,  das Auftreten nach der Pubertät und der Einfluss der Tätigkeit passten nicht in das Konzept einer Missbildung. So trat die Steißbeinfistel besonders häufig bei Kraftfahrern im 2. Weltkrieg (“Jeep Disease“) auf. Mit der bahnbrechenden Veröffentlichung von Patey begann die heute gültige Vorstellung einer erworbenen Entzündung, sich durchzusetzen. Jackman von der Mayo-Klinik publizierte 1962 eine Studie über 354 Patienten. Er stellte dabei ein…

Palmer vermutete eine Dehnung der Gesäßfalte durch die Zugrichtung des kräftigen Glutaeus – Muskels.

So ist der sacrococcygeale Pilonidalsinus ungeachtet unterschiedlicher Ansichten zu seiner Entstehung, pathologisch ein infiziertes Fremdkörpergranulom.

Patey, D. (1970). The Principles of Treatment of Sacrococcygeal Pilonidal Sinus. Proceedings of the Royal Society of Medicine, 63(9), 939-940.

Info: Was ist ein Fremdkörper-Granulom?

Der Sinus pilonidalis entsteht zu Beginn der Pubertät, wenn Dichte und Durchmesser der Haare zunehmen. Der erste Schritt der Fistelentstehung ist immer das Eindringen von Haaren oder Haarschuppen in das Unterhautgewebe. Der Körper kann den Baustoff des Haares, das Keratin, nicht abbauen und behandelt es daher als Fremdkörper durch Abkapselung in einer Schicht aus Narbengewebe. 

Woher kommen die eingespießten Haare?

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts galt die Steißbeinfistel als angeborene Fehlbildung. Eine solche Dermoidzyste entsteht aus Stammzellen, die sich noch in verschiedene Gewebe wie die zu den Hautanhangsgebilden gehörenden Haarwurzeln umwandeln können. 

Allerdings müßte eine angeborene Erkrankung am häufigsten im Säuglingsalter diagnostiziert werden und nicht erst bei Teenagern und jungen Erwachsenen. Darüber hinaus dürfte es nach einer sorgfältigen, chirurgischen Entfernung nicht zum Wiederauftreten der Erkrankung (Rezidiv) kommen. Dagegen spricht die klinische Erfahrung, daß sich Steißbeinfisteln nach Operationen oft erneut an gleicher Stelle  entwickeln.

Lord (1965) und Patey (1969) begründeten die heute allgemein akzeptierte Theorie des Sinus pilonidalis als einer erworbenen Erkrankung (siehe auch Leitlinie Pilonidalsinus). Drei Mechanismen kommen vor:

Abgebrochene und eingespießte Haare

Auch wenn die Haare normal gebildet werden, kann es zu einem Sinus pilonidalis kommen. Nämlich dann, wenn Haare abbrechen und sich in die Wand des Haarfollikels spießen. Der Follikel füllt sich mit abgebrochenen Haaren. Auch lose Haare von Rücken oder Kopf können durch die ständigen Bewegungen der Pobacken in die Gesäßfalte einmassiert werden. Die Oberflächenstruktur der Haare, ähnlich einem Pfeil mit Widerhaken, führt dazu, dass einmal eingespießte Haare im Gewebe stecken bleiben und auch nicht durch Waschen wieder entfernt werden können.

Die Haarwurzel füllt sich mit Haaren unter Erweiterung der Öffnung, im Bereich der Pofalte wird ein kleines Loch oder ein schwarzer Punkt sichtbar, der „pit“ oder „Porus“. Der Körper kann die eingelagerten Haare nicht abbauen und schließt sie in eine Schicht aus Narbengewebe, die Fistelkapsel, ein. Die in dieser Region reichlich vorhandenen Bakterien  der Haut- und Darmflora können eindringen und zu einer Entzündung führen.

Bildungsstörung der Haare mit Ablagerung von Keratinschuppen

Bei manchen Patienten findet man einen anderen Mechanismus der Erweiterung von Haarwurzeln zum „pit“:  Die Bildung der Haare aus dem Baustoff Keratin kann unkoordiniert ablaufen. Ein neu wachsendes Haar wird nicht richtig aus der Haarwurzel herausgeschoben. Das Baumaterial des Haares Keratin wird in Form von scholligen Ablagerungen in der Haarwurzel angehäuft. Der Haarfollikel erweitert sich und es können wiederum Bakterien zu einer chronisch abgekapselten Infektion führen.

Haarwachstum unter der Haut?

Schließlich findet man sehr selten in einem entfernten Fistelgang ein geordnetes Wachstum von zarten, kurzen Haaren. Dieses Phänomen ist noch nicht hinreichend wissenschaftlich untersucht, scheint aber keinen Einfluss auf die Heilungschancen zu haben.

Andere Fistelformen in der Steißbeinregion

Akne inversa (Hidradenitis suppurativa), kryptoglanduläre Analfisteln und Atherome

Nicht jede Fistel und jeder Abszess in der Region des Steißbeins sind durch Haare bedingt. 

Die Akne inversa ist eine in ihrer Anlage erbliche Erkrankung (autosomal dominant). Normalerweise werden in der Haut antibakteriell wirksame Stoffe gebildet, die chronische Entzündungen verhindern können. Diese körpereigenen Antibiotika werden bei den Patienten mit Akne inversa vermindert gebildet (Störung des Notch-Transduktionswegs mit verminderter Interleukin 22 Bildung) . Der häufigste Auslöser der Erkrankung ist das Rauchen, seltener die Rasur und Deodorantien.

 

… Artikel in Arbeit

Welche Faktoren begünstigen die Entstehung einer Steißbeinfistel?

  • Starke Behaarung: Die Mehrzahl der von einer Steißbeinfistel betroffenen Patienten weist eine überdurchschnittlich dichte und kräftige Behaarung auf.
  • Männliches Geschlecht: Männer sind von Steißbeinfisteln rund doppelt so häufig betroffen wie Frauen.
  • Familienanamnese: Auch wenn eindeutige Belege einer Vererbung fehlen, scheinen Angehörige von Steißbeinfistel Patienten ein etwas höheres Risiko zu haben, selbst an einem Sinus pilonidalis zu erkranken.
  • Sitzende Tätigkeit: Wer hat die nicht? Einen Großteil unseres Lebens verbringen wir im Sitzen, in der Schule und Universität, im Büro oder im Auto. Statistiken der Streitkräfte zeigen dennoch, daß Kraftfahrer und Soldaten niederen Ranges ein deutlich höheres Risiko für die Entwicklung einer Steißbeinfistel haben als Offiziere.
  • Übergewicht? Die Datenlage hierzu ist nicht eindeutig, manche Studien fanden ein Übergewicht gemessen am BMI > 25 häufiger bei Patienten mit Steißbeinfistel als in der Kontrollgruppe (entspricht z.B. einem Körpergewicht über 90 kg bei einem 185 cm großen, 20 Jahre alten Mann).
  • Mangelnde Hygiene: Man bekommt eine Steißbeinfistel nicht allein, weil man sich zu wenig wäscht. In Studien ließ sich aber zeigen, dass das Risiko der Entwicklung einer Steißbeinfistel erheblich ansteigt, wenn man seltener als dreimal pro Woche duscht oder badet.
  • Rauchen: Die klassische Steißbeinfistel ist nicht häufiger bei Rauchern als bei Nichtrauchern. Mischformen mit der Akne inversa findet sich aber praktisch nur bei Rauchern, sind gekennzeichnet durch komplizierte Fistelverläufe und häufigere Rückfälle nach Operationen.

Dagegen scheinen das Schwitzen, die bevorzugte Art der Unterwäsche und berufliche Staubexposition keine Bedeutung für die Entwicklung eines Sinus pilonidalis oder die Erfolgschancen der Behandlung zu haben.

Verlaufsformen bei Sinus pilonidalis

Doch woran erkennt man eine Steißbeinfistel genau? Grundsätzlich gibt es drei Erscheinungsformen der Entzündung, die mit unterschiedlichen Symptomen einhergehen:

Blande Form: Die Entwicklung einer Steißbeinfistel merkt man anfangs nicht oder die Beschwerden sind gering und unspezifisch (Schmerzen beim Sitzen auf harten Stühlen, Gefühl wie bei einem „Pickel“ oder einer Prellung). Manchmal treten außer einer sichtbaren Öffnung im Bereich der Gesäßfalte keinerlei Beschwerden auf. Streng genommen sieht man als Arzt die blande Form selten. Wer geht schon ohne Beschwerden zum Arzt?

Akute Form: Ein Pilonidalabszess kann sich innerhalb weniger Tage entwickeln, die zugrundeliegende Steißbeinfistel existierte unbemerkt schon vorher. Die typische Ausprägung mit einer geröteten, schmerzhaften Beule am Po bzw. in der Steißbeinregion erkennt man auf einen Blick. Die äußerlich sichtbaren Symptome können gering sein. Der Patient hat starke Schmerzen, obwohl man nicht viel sieht. Bei genauer Betrachtung ist eine Verhärtung zu tasten und die Haut wirkt auffällig. Die Pits sind schwellungsbeding oft nicht zu sehen. Manchmal berichten die Patienten über einen vorangegangenen Sturz auf das Steißbein. Ein ursächlicher Zusammenhang ist nicht zu erklären. Nicht selten treten Beschwerden nach längerem Sitzen auf, wie bei Schülern und Büroangestellten oder nach langen Flugreisen.

Chronische Form: Manche Patienten haben nur leichte Schmerzen und bemerken das Vorhandensein der Fistel nur zufällig oder aufgrund der Absonderung von Blut oder Eiter. Die Besiedelung der Pilonidalfistel durch die in dieser Region immer vorhandenen Bakterien kann eine sehr unangenehme Geruchsentwicklung verursachen. Die Kapsel enthält oft viele Kollagenfasern und fühlt sich hart an wie Knorpel, so dass Irritationen beim längeren Sitzen ohne eigentliche Schmerzen auftreten. Manchmal entdecken die Patienten auch selbst kleine Öffnungen im Bereich der Gesäßfalte.

Was kann ich tun, um eine Steißbeinfistel zu vermeiden?

Aus den genannten Risikofaktoren lassen sich einige Ratschläge ableiten, wie man vielleicht verhindern kann, dass es überhaupt zu einer Steißbeinfistel kommt. Achten Sie darauf, öfter aufzustehen, wenn Sie lange Sitzen müssen und bevorzugen Sie gut gepolsterte Stühle. Manche Arbeitgeber stellen mittlerweile auf Antrag verstellbare Schreibtische zur Verfügung, so daß man einen Teil seiner täglichen Arbeitszeit im Stehen verbringen kann. Das ist übrigens auch gesund für Kreislauf und Stoffwechsel.

Sollten Sie zu starkem Haarwuchs neigen oder Familienmitglieder von einem Sinus pilonidalis betroffen sein, kann eine vorsorgliche Haarentfernung mit Laser im Steißbeinbereich sinnvoll sein. Da ein Sinus pilonidalis meist durch eingewachsene Haare entsteht, ist eine dauerhafte Haarentfernung im Steißbeinbereich das beste Mittel, um der Erkrankung vorzubeugen. Mit einem modernen Dioden-Laser können die Haare schmerzarm, schnell und langanhaltend beseitigt werden.

Empfehlenswert ist es weiterhin, einmal täglich zu duschen und dabei auch die Gesäßfalte gezielt auszuspülen. Damit lassen sich lose Haare und Textilpartikel beseitigen, bevor sie zu Problemen führen können.

Insbesondere, wenn Sie als Raucher schon von Fisteln (Steißbeinregion, Beugefalte der Leisten, Achselhöhle) betroffen sind, sollten Sie unbedingt das Rauchen aufgeben. Gerne beraten wir Sie, wie man die typischen Fehler der Raucherentwöhnung vermeiden kann.

Literatur zu Entstehung und Formen der Steißbeinfistel

Buie, L. (1944). Jeep Disease. Southern Medical Journal, 37(2), 103-109-103-109.

Chintapatla, S., Safarani, N., Kumar, S., & Haboubi, N. (2003). Sacrococcygeal pilonidal sinus: historical review, pathological insight and surgical options. Techniques in Coloproctology, 7(1), 3-8.

Hodge, R.M. (1880). Pilonidal Sinus. Boston Med Surg J 103:485-6, 493, 544

Jackman, R. (1962). The etiology of pilonidal sinus. Diseases of the Colon & Rectum, 5(1), 28–36-28&ndash-ndash;36-28–36.

Mayo, O.H. (1833). Observations on injuries and disease of rectum. Burgess and Hill, London, pp 45 – 46

Multani, J., & Kives, S. (2015). Dermoid cysts in adolescents. Current Opinion in Obstetrics and Gynecology, 27(5), 315-319.

Palmer, W. (1959). Pilonidal disease A new concept of pathogenesis. Diseases of the Colon & Rectum, 2(3), 303–307-303&ndash-ndash;307-303–307.

Patey D.H., Scarff R.W. (1946): Pathology of postanal pilonidal sinus; its bearing on treatment. Lancet. 1946 Oct 5;2(6423):484-6. 

Cookie-Einstellung

Bitte treffen Sie eine Auswahl. Weitere Informationen zu den Auswirkungen Ihrer Auswahl finden Sie unter Hilfe. Datenschutz | Impressum

Treffen Sie eine Auswahl um fortzufahren

Ihre Auswahl wurde gespeichert!

Weitere Informationen

Hilfe

Diese Website verwendet Cookies. Um fortfahren zu können, müssen Sie eine Cookie-Auswahl treffen. Nachfolgend erhalten Sie eine Erläuterung der verschiedenen Optionen und ihrer Bedeutung.

  • Alle Cookies zulassen:
    Jedes Cookie wie z.B. Tracking- und Analytische-Cookies.
  • Nur First-Party-Cookies zulassen:
    Nur Cookies von dieser Website.
  • Keine Cookies zulassen:
    Es werden keine Cookies gesetzt, es sei denn, es handelt sich um technisch notwendige Cookies. Borlabs Cookie hat bereits ein notwendiges Cookie gesetzt.

Sie können Ihre Cookie-Einstellung jederzeit hier ändern: Datenschutz. Impressum

Zurück